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Die Kelten
Das spätkeltische Zangentor
Das spätkeltische Zangentor

Das spätkeltische Zangentor

Das spätkeltische Zangentor auf dem Staffelberg (ca. 150/130 bis 50/40 v. Chr.) liegt in der westlichen Randbefestigung der keltischen Stadtanlage, dort wo ein moderner Hohlweg durch die antike Torgasse führt.

Die archäologische Ausgrabung in den Jahren 2018 und 2019 ergab die unerwartet gut erhaltenen Reste eines Bauwerks, dessen Kernstück das 9,2 m lange und 7,1 m breite Torgebäude mit zwei getrennten Fahrbahnen bildete. Die Seitenwände des Torgebäudes waren in Fachwerkkonstruktion aus starken Pfosten und Querriegellagen im Abstand von etwa 50 cm errichtet worden. Alle Hölzer waren kantig zugebeilt und die Gefache mit regelmäßigen Kalk- und Dolomitquadern gefüllt. Ab etwa 1 m Höhe war jeder Querriegel in der rückwärtigen Wallschüttung durch bis zu 7 m lange Rückankerbalken gesichert. Die massive Bauweise spricht für ein mehrstöckiges, turmartiges Gebäude, dessen Durchfahrtshöhe sich anhand verbrannter Reste der nach innen gekippten Torflügel mit rund 5 m beziffern lässt.

Die so genannte Pfostenschlitzmauer in der heranführenden Torgasse war zwar aus schlechterem Bruchsteinmauerwerk gebaut, besaß aber vor einer aufgeschütteten Erdrampe zur Stabilisierung ebenfalls senkrecht stehende Pfosten, Rückanker und Querriegel – eine ungewöhnliche Bauweise für Süddeutschland.

Unmittelbar innerhalb des Tores kreuzten sich mehrere mit Steinen befestigte Wege, die sich hier aus verschiedenen Richtungen in der keltischen Stadt kommend trafen. Somit handelt es sich bei dem von dort aus auf den Gipfel führenden Fußpfad um den ältesten künstlich hergestellten und noch immer genutzten Weg Bayerns, wahrscheinlich sogar Deutschlands!

Zangentor:


Ein Zangentor entsteht durch das Einbiegen oder Einknicken der beiden Mauerenden entlang des in die Wehranlage führenden Weges, sodass sie eine regelrechte Torgasse ausbilden. Diese wird durch ein Torgebäude abgeschlossen, welches gleichzeitig die beiden Mauern miteinander verbindet und den eigentlichen Torverschluss aufnimmt.

Das Zangentor stellt den Endpunkt einer langen Entwicklung in der Befestigungstechnik im vorgeschichtlichen Mitteleuropa dar. Anders als im Mittelmeerraum kamen damals hier keine Belagerungsmaschinen zum Einsatz. Stattdessen versuchte man üblicherweise, sich durch das Inbrandsetzen des hölzernen Torgebäudes Zugang zu verschaffen. Die Schaffung einer Torgasse vor dem eigentlichen Tor ist daher als eine Reaktion zu verstehen, mit der man beabsichtigte, die Angreifer möglichst lange und effektiv bekämpfen zu können, bevor sie das Torhaus erreichten.

Der Feind kann durch die Verteidiger sprichwörtlich von mehreren Seiten in die Zange genommen werden. Die Bezeichnung leitet sich allerdings davon ab, dass der Grundriss solcher Anlagen dem Maul einer Zange ähnelt.

Bildmaterial © Dr. Markus Schußmann, Tim Birkner

Markus Schußmann
Markus Schußmann

Geboren und aufgewachsen im mittelfränkischen Altmühltal, lebt der auf die Zeit der Kelten spezialisierte Archäologe Markus Schußmann mit seiner Familie heute in der Nähe von Würzburg. Er ist derzeit beim Landkreis Lichtenfels für das Projekt 'Keltentor' angestellt und hat die jüngsten Ausgrabungen auf dem Staffelberg geleitet.